You Never Run Alone – der Bonner Staffelmarathon



von Sabine

„Hättest Du Lust, in der Welthungerhilfe-Staffel beim Bonn Marathon mitzulaufen?“ – Mit dieser Frage konfrontierte mich Andrea vor einigen Wochen. Staffel? Naja, mit so was habe ich nicht allzu viel Erfahrung. Und bin ich überhaupt schnell genug? Andererseits wäre das mal eine ganz neue Herausforderung …

„Warum nicht. So lange ich keinem anderen von der Welthungerhilfe den Startplatz wegnehme …“. Nein, das tat ich nicht, denn leider war in diesem Jahr der Andrang nicht allzu hoch, so dass insgesamt vier Gäste zum Einsatz kamen. Ich hatte mich für die vierte Teilstrecke entschieden – 12,2 km – und bildete mit Jana-Kathinka, Constanze und Malika eine reine Frauenstaffel. Ein Blick in die Ergebnislisten der letzten Jahre sagte mir: Diese Staffel war historisch. Eine reine Frauenstaffel gab’s noch nie, seit die Welthungerhilfe 2013 die erste Staffeln an den Start schickte. Wir würden also auf jeden Fall eine Bestzeit aufstellen 😉. Klasse: Ein garantierter Rekord – und ich bin dabei …

Wenn man in der Welthungerhilfe-Staffel mitläuft, bekommt man das Rundum-Sorglos-Paket. Um Anmeldung, Startnummer und Informationen zum Ablauf braucht man sich nicht zu kümmern. Und noch nicht mal die übliche Frage „laufe ich nun kurzärmlig oder langärmlig?“ stellt sich, denn es gibt ein Teamshirt in Welthungerhilfe-Grün. Nur trainieren muss man selbst.

Sonntag, 15. April, 10 Uhr. Zwölf grüne Männlein und Weiblein versammeln sich am vereinbarten Treffpunkt in der Nähe des Starts. Dazu noch Andrea, die zwar nicht mitläuft, aber mit der Kamera an der Strecke stehen will. Schnell ein Gruppenfoto – so lange die Frisur noch sitzt und alle noch appetitlich aussehen. Dann schnell zum Start – um die drei StartläuferInnen „abzugeben“.

Die Staffeln ... noch ganz frisch!

Ein Staffelmarathon ist keine Einzeldisziplin. Wer glaubt, man müsse da einfach nur 10km rennen, irrt gewaltig. Ein Staffelmarathon ist so was wie ein moderner Fünfkampf: 1. Wandern – von einem Wechselpunkt zum anderen. 2. Die Stimmbänder strapazieren – die Staffelkollegen wollen schließlich angefeuert werden. 3. Schleppen – das mitgebrachte Hab und Gut des jeweiligen Läufers muss zum nächsten Wechselpunkt getragen werden, und manche Läufer bringen verwunderlicherweise den halben Hausrat mit. 4. Fotografieren – schließlich müssen die „Heldentaten“ für die Nachwelt verewigt werden. Und dann wäre noch 5. Laufen. Die kleinste Übung von allem.

Als erste laufen Jana-Kathinka, Benni und Carsten. Kurz hinterm Start stellen wir uns auf, um sie lautstark auf die Strecke zu schicken. Gar nicht so einfach, die Drei zu erkennen. Denn Grün scheint in diesem Jahr Modefarbe zu sein. Außer uns sind auch die Staffeln des Bonner Laufladens, des Fraunhofer Instituts und der German Doctors in grüne Shirts unterschiedlicher Schattierungen gehüllt. Aber dann erkennen wir unseren „grünen Block“ – noch laufen die Drei zusammen – und sehen auch noch prima aus.

Die Startformation: Carsten, Jana-Kathinka, Benni

Weiter zum ersten Wechselpunkt. Wir beobachten die schnellen Marathonis und die ganz schnellen Staffeln, dann wird es Zeit, in die Wechselzone zu gehen und einen „Guide“ einzuteilen, der am Beginn der Wechselzone steht und unsere Staffelläufer durch das Gewusel in unsere „Box“ leitet. Nachdem alle drei Läufer – Felix, Stefan und Constanze – auf die Strecke geschickt sind, geht es weiter zum zweiten Wechselpunkt. Und schließlich zum dritten. Nach fast drei Stunden, die ich mit anfeuern, Rucksack tragen und fotografieren beschäftigt war, geht es endlich auch für mich auf die Strecke. In ordentlichem Abstand hinter Michael und Simon nehme ich das Chip-Band von Malika entgegen und trabe los. Ich hatte mich bewusst für den vierten Streckenabschnitt entschieden, denn da ist das Läuferfeld schon deutlich entzerrt und die meisten Marathonläufer werden langsamer – mit dem Vorteil, dass man sich dann als „frische“ Staffelläuferin von hinten heransaugen kann und häufiger überholt als überholt zu werden. Der Nachteil: Mittlerweile ist es früher Nachmittag, es ist warm geworden und so manches Deo versagt. Kurz hinter dem langen Eugen mischt sich in die Geruchswolke aus Marathoni-Heldenschweiß dann noch der Duft des Frittierfetts der Imbissbude „Rheinbiss 652“ – dem Geruch nach zu urteilen verwendet man hier heute noch das Frittierfett, in dem man schon zu Zeiten von Bundeskanzler Helmut Kohl die Pommes badete. Nein, es ist nicht NUR schön, den letzten Abschnitt einer Marathonstaffel zu laufen …

Unsere Staffel: Jana-Kathinka, Constanze, Malika, Sabine. Fotos: SportOnline

Bei Kilometer 33 – kurz bevor der Weg den Rhein verlässt und durch die Rheinaue zieht, laufe ich auf die „Renniere e.V.“ auf. Dieser Verein zur Unterstützung dialysepflichtiger Kinder scheint mehrere Staffeln zu stellen, die allerdings zusammen laufen vor mir einen regelrechten Sperrriegel bilden. Finde ich nicht sehr nett und bin auch im Nachhinein froh, dass wir uns dafür entschieden haben, dass jeder sein Tempo laufen kann.

Jeder Marathonkurs hat seine Längen und unattraktiven Stellen. In Bonn ist das meiner Meinung nach die Petra-Kelly Allee. Man läuft auf ihr 2 Kilometer stadtauswärts, bevor es um einen Wendepunkt herum geht und man wieder zurück Richtung Norden geführt wird. Einziges Trostpflaster: Man kann viele seiner Mitläufer sehen. Auf dieser Strecke begegnen mir die beiden anderen Schlussläufer der Welthungerhilfe-Staffeln: zuerst Michael – mit Transparent! – und dann Simon, der den Abstand auf Michael deutlich verkürzt hat. Ich bin ein ganzes Stück hinter den beiden.

Irgendwann ist auch für mich dieses unattraktive Streckenstück zu Ende und es geht – auf verschlungenen Wegen zwischen den Gebäuden von Post und DHL auf die drei letzten Kilometer Richtung Ziel. Kurz hinter dem Hofgarten – der letzte Kilometer hat gerade begonnen – merke ich, dass ich am Anschlag laufe. Vielleicht doch etwas Geschwindigkeit rausnehmen, um nicht ausgerechnet auf der Zielgeraden zusammenzubrechen?

Und plötzlich ist alles grün ... im "Geleitzug" zum Ziel

Während ich noch grüble, wird es neben mir grün. Ohne dass ich es bemerkt habe, haben sich Malika, Carsten, Felix und André zum gemeinsamen Zieleinlauf mit auf die Strecke „gemogelt“. So früh hätte ich nicht mit ihnen gerechnet. Nein, mit Tempo rausnehmen wird das jetzt nichts mehr, ganz im Gegenteil. Es geht über Kopfsteinpflaster durch die Innenstadt, und das Publikum auf der Zielgeraden treibt einen regelrecht ins Ziel. Welch eine Stimmung! Immer noch sehr viel Publikum! Und das, obwohl die Spitzenläufer längst im Ziel und wohl auch schon geduscht sind!

Im Ziel: 4:08:08. Foto: SportOnline

Wir bekommen unsere Medaillen umgehängt. Hier erfahre ich auch, dass es ein Tag der Rekorde für die Staffeln der Welthungerhilfe war: Sowohl Staffel 3 (Benjamin Koeck/Stefan Grund/Lisa Flechsig/Simon Schwientek, 3:45:41) als auch Staffel 2 (Carsten Blum/Felix Simonides/André Caffier/Michael Hofmann – 3:46:27) haben die bisherige Staffel-Bestzeit einer Welthungerhilfe-Staffel (2017, 3:55:59) deutlich unterboten. Und unsere Staffel 1 (Jana-Kathinka Müller/Constanze von Oppeln/Malika Mabrouki/Sabine Heiland, 4:08:08) war erwartungsgemäß die schnellste Frauen-Staffel, die die Welthungerhilfe je hatte.  💪

Aber mal abgesehen von den Rekorden: Auch das Laufen abseits der Trails hat riesigen Spaß gemacht!

Aber jetzt geht’s wieder weg von der Straße und zum Training für den Zugspitz Ultra Trail und den Eiger Ultra Trail. Daher wird man mich in der nächsten Zeit wieder vorwiegend auf den Trails antreffen. In diesem Sinne: See you on the trails!

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