Rodgau 50: Bematscht und benebelt

von Sabine



Foto: Reinhold Daab, Laufsportfotos


Am letzten Wochenende stand Teil 1 meiner für 2018 geplanten Wettkämpfe an: Der Rodgau 50. Für mich die vierte Teilnahme. Für mich immer ein „Trainingswettkampf“. Im Sinne von: Mal schauen, wie fit ich durch den Winter gekommen bin.

Rodgau 50 bedeutet: 10 x 5 km. Höhenmeter sind vernachlässigbar. Pro Runde eine sehr gut ausgestattete Verpflegungsstation. Am Ende jeder Runde eine Ansage bzw. Kommentar von Gabi Gründling alias „Frau Werwolf“ aus ihrem Moderationsmobil. Und nach jeder Runde die Möglichkeit aus dem Rennen auszusteigen.

Davon hatte ich noch jedes Mal Gebrauch gemacht. Zweimal bin ich 35 km gerannt, einmal 20 km. Auch dieses Mal hatte ich mir angesichts der Tatsache, dass mir in den letzten Wochen meine rechte Körperhälfte Probleme macht (Entzündung Supraspinatussehne, Piriformis-Syndrom, Probleme mit der Tibialis posterior Sehne) lediglich vorgenommen, 25 km gleichmäßig durchzuziehen und dann zu schauen, was noch geht. Schließlich wollte ich mich vor dem Joker Trail im Februar nicht ganz zugrunde richten.

Warum steht man dann vor 6 Uhr an einem Samstagmorgen auf und fährt 100 km, nur um einen langen Lauf zu absolvieren, den man genauso gut im heimischen Neuenheimer Feld hätte laufen können?

Weil es einfach Spaß macht. Weil in Rodgau die gesamte Bandbreite von Eliteläufern bis „Back of the Pack“ am Start ist. Weil es Läufer gibt, die Bestzeiten aufstellen wollen und andere, die nur auf der Runde ein paar Schwätzchen mit Bekannten halten wollen. Weil man mit allen auf derselben Runde ist und sie immer wieder sieht. Nein, landschaftlich ist der Kurs kein Highlight – es ist dieser Mix an Läufern und die überaus gute Organisation, die den Lauf zu einem Kultlauf hat werden lassen.

Nachdem die Startnummer abgeholt ist, folgt der obligatorische Klogang. Auch hier ist in Rodgau bestens vorgesorgt: Dixies vor der Turnhalle und am Start, „Komforttoiletten“ in der Turnhalle. Ich entscheide mich für die Komforttoilette. Und stehe in einer Schlange zusammen mit einigen Ultraläuferinnen, die etwa in meiner Altersklasse sein dürften. Hinter keiner von ihnen könnte ich mich verstecken – sie sind alle so ultra-dünn. Und ich komme mir vor wie eine Nana von Niki de Saint Phalle in einer Skulpturensammlung von Giacometti.

So komme ich mir manchmal vor in der Umgebung von Ultraläuferinnen: Wie eine Nana von Niki de Saint Phalle in einer Skulpturenausstellung von Giacometti. [Links: "Les Trois Graces" by Niki de Saint Phalle. Foto: David, lizenziert unter CC BY 2.0, rechts: Alberto Giacometti, Three Men Walking, 1948-49. Foto: Sharon Mollerus, lizenziert unter CC BY 2.0]

Aber auch darin ist Rodgau prima: Es gibt Läufer und Läuferinnen mit jeglichem Kampfgewicht. Läufer und Läuferinnen aller Altersklassen. Und auch Läufer und Läuferinnen mit der einen oder anderen Einschränkung. Sogar eine Läuferin mit Gehhilfen ist am Start und lässt es sich nicht nehmen, damit auf die Runde zu gehen. Hut ab!

Ja, für manche ist das Event und das gemeinsame Laufen und Quasseln mit anderen Läufern fast wichtiger als der Wettkampf selbst. Und so hat der Startsprecher auch seine liebe Not, die immer noch über die Laufstrecke eintröpfelnden Läufer zur Eile zu mahnen und mit mahnenden Worten hinter die Startlinie zu verfrachten. Die Startgerade ist nämlich in Rodgau auch der Zugangsweg zur Startlinie – und angesichts der niedrigen Temperaturen haben viele erst sehr spät den Weg von der Turnhalle zum Start- und Zielgelände auf der „Freizeitanlage Gänsbrüh“ angetreten …

Ich habe mich im Starterfeld positioniert – da dauert es nicht lange, und der Start ist erfolgt. Ich drücke die Starttaste auf meiner Pulsuhr. Aber sie will nicht starten. Ich drücke nochmal. Nichts. Ich versuche es immer und immer wieder – kein Erfolg! Das kann doch nicht wahr sein! Aber es hilft nichts. Ich atme tief durch, finde wenigstens während der letzten Schritte zu den piepsenden Zeitmessungs-Matten die Stoppuhr-Funktion auf meiner Uhr. Sie funktioniert. Die muss dann halt genügen. Und mal ganz ehrlich: was brauche ich hier mehr? In Rodgau wird alle 5 km die Zwischenzeit aufgezeichnet. Außerdem haben sie im Ziel die große und weithin sichtbare Zeitnahme-Uhr. Ist also alles da, was ich brauche. Sozusagen das rundum-sorglos-Paket. Warum jetzt einen Adrenalinausstoß wegen der nicht funktionierenden Pulsuhr?

Also trabe ich los. Wegen der Probleme mit der Uhr, aber auch weil ich es heute betont ruhig angehen will, bin ich eine der letzten, die über die Startlinie gehen. Aber hier „hinten“ ist es sowieso viel unterhaltsamer. Während vorn die Spitzenläufer wortlos ihre Bahnen ziehen, hat man hier hinten noch Zeit und Luft für Unterhaltungen. Und selbst wenn man nicht aktiv beteiligt ist, ist es immer wieder nett, was man so alles mitbekommt.


Kurz nach dem Start - noch ist das Feld dicht gepackt. Foto: Go4it-Foto Sportfotografie


Eine Läuferin hinter mir erklärt gerade ihrem Laufpartner, was sie seit letzten September so alles an Verletzungen gehabt hat. Ich wundere mich, dass sie überhaupt noch an einem Stück ist und ziehe weiter.

In der nächsten Laufgruppe ist man voll mit der Planung für 2018 beschäftigt. Welchen Lauf wollte man schon immer mal machen, welcher Lauf würde passen? Der Laufkollege wäre dieses Jahr so gerne den Rennsteig Supermarathon gelaufen, wenn da nicht die Goldene Hochzeit seiner Schwiegereltern wäre. Die Schilderung der dann drohenden familiären Konsequenzen habe ich leider nicht mehr ganz mitbekommen, denn da war ich schon seinem akustischen Wirkungsradius entlaufen.

Noch etwas weiter vorn wird Politik diskutiert. Da beklagt einer fehlende Investitionen ins Bildungswesen. Kommt von Politik auf Personen. Stellt fest, dass Frau Maike Kohl-Richter, die Witwe des Altkanzlers, einen gewaltigen Sprung in der Schüssel hat. Das ganze trägt er mit so viel Lokalkolorit und mit einer solchen Überzeugung vor, dass das einfach wahr sein MUSS.


Auch ein tierischer Teilnehmer geht auf die Runde.

Die Veranstalter des Rodgau Ultramarathons hatten vorsorglich darauf hingewiesen, dass das Tragen von Ohrstöpseln für MP3-Player nicht gestattet ist, damit das Rennen gemäß internationaler Wettkampfregeln bestenlistenfähig ist. Aber wozu braucht man hier Kopfhörer – hier gibt es genügend Zeitvertreib, der einen über die Kilometer trägt, sei  es durch Gespräche oder durch aufgeschnappte Unterhaltungsschnipsel.

Auf einer der späteren Runden - das Teilnehmerfeld hat sich gelichtet. Foto: Go4it-Foto Sportfotografie

Nach einigen Runden hat sich das Läuferfeld gleichmäßig auf den 5km Rundkurs verteilt. Es gibt jetzt nicht mehr so viele Geschichten aus dem bewegten Läuferleben zu hören. Na, dann müssen halt andere Sinne geschärft werden. Sehen statt hören.

Ich gebe mich mal wieder einer meiner Lieblingsbeschäftigungen hin: Schauen, was die Sportmode gerade so hergibt. Rodgau, der 5km lange Laufsteg ...

Dabei fällt mir auf: Leute wie Lisa Mehl mit den reduziert coolen Klamotten von Willpower sind hier eindeutig in der Minderzahl. Es dominiert Farbe. Und Muster. Und farbige Muster! Frau Schmitt kommentierte diese Art der Läuferpelle mal mit "erzeugt Augenkrebs". Vielleicht aber wollen die Trägerinnen (und Träger) dieser schrillen Teile nur mal ein Loch in diese graue Wintertristesse brennen?

Hinsichtlich Muster und Farben bekam das Auge in Rodgau einiges geboten. Manchmal wäre eine Sonnenbrille ratsam gewesen ...

Mir soll das recht sein. Denn anders als von den Veranstaltern angekündigt dominiert nicht die Sonne, sondern dichter Nebel das Renngeschehen. Und Matsch. Wochenlanges Regenwetter hat seine Spuren hinterlassen und den Kurs aufgeweicht. Die Organisatoren haben zwar mit 3 Tonnen Schotter die schlimmsten Wassergräben beseitigt - aber gegen den allseits vorhandenen Matsch können auch sie nichts ausrichten. Und so dominiert auch bei einfarbiger Laufbekleidung bald ein klares Muster: Klecksmuster, Modefarbe Taupe. Für die ganz Harten, die nicht mit langen Lauftights unterwegs sind auch gerne als Fango-Tattoo. Je dynamischer der Laufstil, desto höher reicht das Muster.

Bei allen, die dann doch ein einfarbiges Outfit gewählt hatten - oder ganz darauf verzichtet hatten -, erzeugte der überall vorhandene Schlamm ebenfalls wilde Muster. Fotos links und Mitte: Reinhold Daab, Laufsportfotos

Nebel und Schlamm aber können der Stimmung nichts anhaben. Und ich muss konstatieren: Rodgau 50 - jetzt mit 50% mehr Stimmung! Denn noch vor 3 Jahren gab es (nur) am Abzweig zur Pendelstrecke den Sani-Posten mit integrierter Beschallung. Strategisch günstig aufgestellt, so dass man zweimal pro Runde - bei ca km 2,4 und 2,8 in den Genuss der musikalischen Anfeuerung kommt. Jetzt steht eine weitere Läuferbeschallung kurz hinter dem Verpflegungsposten, etwa bei Kilometer 0,8. Auch diese Besatzung hält über 6 Stunden lang durch und feuert mit einem Mix aus Rock und Pop das Läuferfeld an.

End of the road: Am Ende der Pendelstrecke wachen zwei nette Streckenposten darüber, dass keiner abkürzt. Und auch sie müssen über 6 Stunden lang durchgehalten - durch DIY Styropor-Podeste zumindest etwas vor der Kälte geschützt.

Und damit nicht genug: Jedes Mal, wenn man eine Runde abgeschlossen hat und eine neue beginnt, wird das von Gabi Gründling alias Frau Werwolf aus ihrem Moderationsmobil kommentiert. Nun stellt man sich das Verlesen hunderter Startnummern nebst Läufernamen in etwa so spannend vor wie die Lesung aus dem Kursbuch der Bundesbahn ... wir erinnern uns an Loriot:

[…] und kurz darauf steigert sich das Werk zu einem seiner vielen dramatischen Höhepunkte:
Landau ab        12:32 Uhr
Annweiler        12:47 Uhr
Pirmasens an  13:13 Uhr
Das ist fein beobachtet. Jedermann weiss, wie peinlich solche Stellen gerade bei Literaten minderer Qualität wirken können […]


Ja, eine Verlesung von Startnummern mit zugehörigen Namen mag auch bei Stadionsprechern minderer Qualität peinlich klingen, nicht aber hier. Wann immer Gabi Gründling einen bekannten Namen entdeckt - und wen kennt sie nicht? - dann gibt es ein paar persönliche aufmunternde Worte. Nicht wenige, die im Begriff waren vorzeitig aufzuhören, hat Gabi verbal auf eine weitere Runde und damit zum Finish 'geprügelt'. Naja, vielleicht nicht geprügelt, aber getragen.

Nicht mehr aus Rodgau wegzudenken: Das Moderationsmobil von Gabi Gründling (im Auto).

Auch ich werde Runde um Runde angesagt und so auf die nächsten 5km geleitet. In der fünften Runde fängt sich dann langsam meine lädierte rechte Körperhälfte an zu melden. Die Schulter habe ich durch konsequentes Mobilisieren der Schulterblätter alle 4 Minuten im Griff, aber jetzt macht der Oberschenkel zu. Und es ist zu befürchten, dass bald auch die Wade folgen wird und sich dann auch die Sehnen melden. Ich mache einen kurzen Stop an einer Bank und dehne. Das hilft mir ein Stück weiter. Bis dahin war ich wie gewünscht gut durchgekommen und hatte konstante Runden mit maximal 19 Sekunden Zeitdifferenz hingelegt. Jetzt aber, nach 25 km wird es schwerer. Ist aber egal, damit habe ich gerechnet. Jetzt vielleicht noch 2 Runden?

Der spätere Sieger und Streckenrekordinhaber, Benedikt Hoffmann, kommt von hinten angeflogen.

Ich gehe kurz nach dem Zieleinlauf des Siegers auf meine sechste Runde ...

Andere sind schon weiter und doch ganz nah. Ich laufe kurz nach dem Sieger und neuen Streckenrekordhalter Benedikt Hoffmann (2:56:18) über die Ziellinie. Da hat der aber schon 10 Runden in den Beinen, ich ganze 5. Und dann gelingt es mir auch noch, wenige Sekunden vor der Siegerin (Susanne Gölz, 3:40:31) im Ziel zu sein. Aber auch sie trennen 4 Runden von mir.

Kaum im Ziel, und schon das Mikrofon vor der Nase: Siegerin Susanne Gölz. Da ich zur gleichen Zeit auf die siebte Runde gehe, kann ich die Szene gleich ablichten ...

Egal. Aber es ist schön, dass man hier quasi Läuferin und Zuschauerin in einem sein kann. Alles mitbekommt, was sich vor und hinter einem im Rennen abspielt.

Als ich dann 35 km geschafft habe, beschließe ich noch eine Runde anzuhängen und es damit zu belassen. Denn langsam meldet sich tatsächlich die Tibialis posterior Sehne, und ich möchte und muss nach dem Rodgau schnell wieder ins Training einsteigen, denn schon in 4 Wochen ist der nächste Wettkampf. Rodgau wird heute wieder ein DNF, aber ein geplanter und daher gar nicht schlimm.

Die letzte Runde läuft ganz gut, und wie immer, wenn das „Ziel“ vor der Nase ist, kann ich tempomäßig nochmal einen Zahn zulegen. Ich genieße noch ein bisschen die Zielverpflegung, dann aber mache ich mich auf zum „Ultrakaffeeklatsch“ in der Turnhalle, denn es wird mir bei dem immer noch nebligen Wetter schnell kalt.

Während ich den obligatorischen Streuselkuchen futtere, fängt auch gerade die Siegerehrung an. Super Timing, so bekomme ich auch das gleich noch mit.

Siegerehrung in der Turnhalle. V.l.n.r.: Nina Mutschke (5. Frau), Isabell Rabe (4. Frau), Britta Giesen (2. Frau), Susanne Gölz (Siegerin), Benedikt Hoffmann (Sieger), Frank Merrbach (2. Mann und Vorjahressieger), Janosch Kowalczyk (3. Mann), Bernhard Eggenschwiler (4. Mann), Thomas Klingenberger (6. Mann)


Dann geht’s nach Hause … und auf der Rückfahrt fällt mir ein, warum ich morgens meine Pulsuhr nicht starten konnte. Ich hatte sie während der Synchronisation vom Laptop abgezogen. Sollte man nicht machen! Beim nächsten Mal gebe ich meiner Pulsuhr mehr Zeit. Wirklich gestört hat es mich aber nicht, dass ich auf der Strecke auf einige physiologische Daten verzichten musste …

Rodgau 50. Anstrengend war’s, aber schön. Ich komme bestimmt wieder – und irgendwann einmal will und werde ich die 50km vollmachen. Versprochen!

Jetzt geht’s aber aus der Ebene wieder in die Berge – schließlich muss ich für den Joker Trail trainieren! Daher: See you on the trails!


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