GEAR TALK: Pulsmessung außerhalb der Konfliktzone – der Polar OH1

von Sabine



Ich laufe sehr gerne und fast immer mit Pulskontrolle. Vor 12 Jahren, als ich noch am Anfang meiner „Läuferkarriere“ stand, diente die Pulskontrolle vor allem dazu mich am Überpacen zu hindern. Ich habe diese Messungen beibehalten – aus verschiedenen Gründen. In den vergangenen Jahren habe ich nacheinander drei Pulsuhren gehabt, mit denen ich jeweils sehr zufrieden war. Womit ich aber nie zufrieden war, war der Pulsgurt.

Ein solcher Pulsgurt  bestimmt den Puls über zwei Hautelektroden, an denen das elektromagnetische Feld direkt über dem Herzen abgeleitet wird – ähnlich wie beim EKG, nur wird hier als einziger Parameter der Puls bestimmt. Damit diese Hautelektroden funktionieren können, braucht es einen guten, leitenden Kontakt zur Haut. Am besten funktioniert das, wenn man bereits ordentlich geschwitzt hat – denn Schweiß ist ein prima Leiter für elektrische Signale. Dagegen ist bekannt, dass die Pulsgurte häufig am Beginn des Trainings versagen, selbst wenn man die Haut bzw. die Elektroden vorher befeuchtet hat.

Als Frau hat man allerdings ein weiteres Problem: Den Konflikt zwischen BH und Pulsgurt. Der Pulsgurt sollte eigentlich dort positioniert werden, wo das gerade für den Sport so wichtige Unterbrustband beim BH für die vertikale Stabilisierung sorgt. Ich musste in den letzten 12 Jahren immer wieder leidvoll beobachten, dass mein Pulsgurt und mein BH in Konflikt gerieten. Das Resultat: BH und Pulsgurt schoben sich wechselseitig hin- und her, uns so sah ich nach langen Läufen häufiger so aus, als wäre ich ein Opfer häuslicher Gewalt geworden. Die altbewährte Vaseline hilft hier nicht, denn sie würde ja wieder den Kontakt zwischen Elektrode und Haut unterbinden.

Und neben dieser fortwährenden Körperverletzung hat der Konflikt von Pulsgurt und BH auch noch Auswirkung auf die Messung: Vor allem bei langen bergab-Passagen, bei denen ich kaum schwitze und gleichzeitig der Gurt starken Bewegungen ausgesetzt ist, versagt die Pulsmessung. In solchen Fällen steht  dann ein Puls von ca. 180/Minute zu Buche – was auf solchen Strecken gar nicht mein Puls sein kann. Hier misst dann der Pulsgurt einfach nur die Schrittfrequenz, wohl weil sich der Gurt genau mit dieser Frequenz über die Haut verschiebt bzw. vom BH verschoben wird. Man hat mir auch schon den gutmeinenden Rat gegeben, den Gurt noch enger zu schnallen – aber da man leider beim Laufen atmen muss, ist das weder die angenehmste noch die praktischste Lösung.

Fehlmessungen mit dem Brustgurt: Überhöhte Werte der Herzfrequenz (rot) am Anfang der Trainingseinheit (oben) bzw. beim Bergablauf (unten). Geschwindigkeit in blau.

Wie also dieses Problem und diesen Konflikt zwischen Pulsgurt und BH lösen? Da hat es in den letzten Jahren einige Entwicklungen gegeben, um die „Konfliktparteien“ entweder miteinander zu verbinden oder voneinander zu trennen. So haben einige Hersteller Sport-BH’s entwickelt, in denen direkt die Elektroden eingewebt waren und der Pulssensor per Druckknopf befestigt werden konnte. Zum Beispiel:  die Firma PureLime. Dieses Modell legte ich mir natürlich sofort zu – nur leider war die Pulsmessung von geringer Dauer. Schon nach wenigen Monaten waren die Elektroden defekt. Und wie es mit solchen eierlegenden Wollmilchsäuen geht – ist eine Funktion davon defekt, kann man das teure Hybridteil gleich komplett entsorgen. Ärgerlich. Inzwischen hat das wohl die Firma PureLime auch eingesehen und die Herstellung dieses Pulsmessungs-BHs eingestellt.

Dann kam die Pulsmessung am Handgelenk auf. Statt auf elektrischen Eigenschaften beruht dieses Verfahren auf optischen Eigenschaften von Blut: Blut absorbiert grünes Licht besonders stark (deshalb erscheint es uns ja auch rot, d.h. in seiner Komplementärfarbe). Und Photoelemente, die das reflektierte Licht aufzeichnen, können die Pulsationen bestimmen und hierdurch die Pulsrate. Ich habe von Anfang an diese Technologie mit Interesse verfolgt – aber von der Anschaffung einer Pulsuhr mit eingebautem optischen Pulsmesser abgesehen. Und zwar aus folgenden Gründen:
  1. Zumindest in der Anfangszeit der optischen Pulsmessung haben Tests ergeben, dass die Messung sehr ungenau ist – ca. 25% der gemessenen Werte wichen um mehr als 5% von den „echten“ Pulswerten ab.
  2. Damit die Messung zuverlässig erfolgen kann, muss die Uhr mit dem daran angebrachten Detektor eng an der Haut anliegen. Die Hersteller raten deshalb, während des Trainings das Uhrarmband fester zuzuziehen. Das ist in einer recht knöchernen anatomischen Region wie dem Handgelenk nicht bei jedem möglich bzw. angenehm – und dann resultieren auch wieder Fehlmessungen.
  3. Die optischen Pulsmesser brauchen einiges an Strom. Ist der Pulsmesser direkt in der Uhr verbaut, reduziert er damit die Akkulaufzeit. Vor allem, wenn man für Ultramarathons trainiert und sie läuft, ist das ein Ausschlusskriterium.
Nun hat Polar im September 2017 einen optischen Pulssensor auf den Markt gebracht, den ich interessant fand: den Polar OH1.



Das sagt der Hersteller

Der Sensor ist sehr leicht – er bringt gerade mal 5 Gramm auf die Waage. In diesem Sensor sind 6 LEDs um einen Detektor herum verbaut. Das sind mehr LEDs als Polar bei  ihrer M200 verwendet, aber auch mehr als bei den Pulsuhren mit optischer Pulsmessung von Garmin (3 Elektroden beim Forerunner 935 oder bei der Fenix 5 HR). Der Sensor wird mit einem  elastischen Armband  geliefert, mit dem man ihn am Oberarm oder Unterarm befestigen kann, sowie mit einem USB-Adapter zum Aufladen des Akkus, für Software-Updates sowie ggf. zum Download der Pulsdaten.

Womit wir gleich beim Thema „Datenaustausch“ wären: Hier bietet der OH1 ganz unterschiedliche Möglichkeiten:
  1. Angenommen, man ist sowieso schon in der „Polar-Welt“ und hat eine Polar Pulsuhr, die Bluetooth-kompatibel ist. Dann ist es ganz einfach: Nachdem die Pulsuhr den OH1 Sensor erkannt hat, funktioniert der Datenaustausch wie mit den herkömmlichen Sensoren am Brustgurt. Falls man eine Pulsuhr eines anderen Herstellers hat, die Bluetooth kann, dann kann man ebenfalls die Pulsdaten vom OH1 auf diese Pulsuhr via Bluetooth übertragen lassen.
  2. Verwendet man eine Fitness-App auf dem Smartphone – sei dies nun Polar Beat oder Apps wie Strava, MapMyRun, Runtastic etc. – so können ebenfalls via Bluetooth die Pulsdaten übertragen und direkt an der App verfolgt werden. Kompatibilität besteht laut Hersteller für iOS-Mobilgeräte für  iPhone 4S und höher; für  Android-Mobilgeräte mit Bluetooth 4.0-Funktionalität und Android 4.4 oder höher.
  3. Für diejenigen, die nur an ihren Pulsdaten interessiert sind, bietet der OH1 noch eine weitere Besonderheit: Der Sensor verfügt über einen 4MB Speicher und kann so bis zu 200 Stunden lang Pulsdaten aufzeichnen, die man später dann übertragen kann. Wenn man also eher minimalistisch unterwegs sein und dennoch später seine Pulsdaten analysieren will, ist dies mit dem OH1 auch möglich.
Wichtig: Der OH1 unterstützt nicht ANT+ - wer also eine Pulsuhr hat, die nur ANT+-kompatibel ist und Bluetooth nicht kann, für den ist der OH1 nichts ... sofern er online seine Pulsdaten verfolgen will.

Laut Hersteller ist der OH1 bis zu einer Tiefe von 30m wasserdicht; sein Akku soll – ist er einmal voll aufgeladen – bis zu 12 Stunden lang „halten“. 


Meine Erfahrungen mit dem OH1

Ich trage den OH1 am linken Unterarm (gleiche Seite wie die Pulsuhr), etwa 5cm unterhalb des Ellenbogens. Am Oberarm oder auf der rechten Seite funktioniert der OH1 aber genauso, ich mag lediglich nicht so gerne etwas um den Oberarm tragen.

Außerdem verwende ich eine Polar V800 als Pulsuhr bzw. auch als „Empfänger“ für die Pulssignale des OH1. Alle unten aufgeführten Messungen sind mit dieser Konfiguration gemacht.

Die Kopplung mit der Uhr klappte ohne Probleme. Auch die Inbetriebnahme war kinderleicht. Ich musste lediglich das elastische Armband auf die richtige Weite einstellen, den Sensor vollständig laden, an der Pulsuhr das Koppeln mit dem Sensor ermöglichen – und es konnte losgehen.

Genauigkeit
Die Genauigkeitsprüfung habe ich auf einem Indoor Bike gemacht – nicht beim Laufen. Warum? Weil ich hier den allgemein als „Goldstandard“ akzeptierten Brustgurt als Vergleichsmessung zum OH1 verwenden wollte – und beim Laufen der Brustgurt immer wieder fehlerhafte Messungen produziert hat.
Das Setting: Polar OH1 gekoppelt mit Polar V800 (linker Arm), Vergleich mit Polar Wear Link H3, gekoppelt mit Polar RC3.
Das Trainingsprogramm: Warm Up – 6 Sprintintervalle (2 min schnell, 2 min Erholung) – Cool Down.
Die Vorgaben: In allen Teststudien, die mir bislang untergekommen sind, wurde eine Abweichung von 5% toleriert. Da meine Herzfrequenz in der Belastungsphase zwischen 100 und 140 bpm schwankte, wären das eine tolerierte Abweichung von 5-7 bpm.
Die Ergebnisse: In der Warm Up Phase hinkte die Pulsrate des OH1 deutlich hinter der mit dem Brustgurt gemessenen hinterher, blieb aber noch in der Toleranzgrenze. Nach 3-4 Minuten normalisierten sich die optisch gemessenen Werte – ab dann lag zwischen den beiden Messverfahren maximal ein Unterschied von 2 bpm. Bei starken Veränderungen der Pulsrate nach oben (Belastung) oder unten (Erholung) hinkte die optische Messung derjenigen mit Brustgurt immer um ca. 5 Sekunden hinterher.

Genauigkeitstest (1): Referenzmessung mit Polar Wearlink H3 Brustgurt und Polar RC3

Genauigkeitstest (2): Testmessung mit Polar OH1 und Polar V800

Insgesamt waren alle Messungen mit dem OH1 satt innerhalb der Toleranzschwelle. Allerdings benötigt die optische Messung eine „Aufwärmphase“ von wenigen Minuten, bis sie die höchste Genauigkeit erreicht. Dieser Effekt ist bekannt und beruht nicht auf dem Device selbst, sondern auf physiologischen Phänomenen. Denn bei optischer Messung wird ja nicht das elektrische Signal des Herzens bzw. genauer gesagt des Sinusknotens erfasst, sondern es wird die Pulsation der kleinen Gefäße in den oberen Hautschichten der Peripherie (d.h. am Arm) gemessen. Nach Einsetzen einer physiologischen Belastung reagiert zwar das Herz sofort, allerdings braucht es eine gewisse Zeit, bis die vom Herz initiierte Druckwelle auch mit der entsprechenden Stärke in den Gefäßen ankommt, in denen gemessen wird. Denn Dilatation und Konstriktion von Gefäßen wie auch die veränderte Durchblutung der Muskulatur wirken wie eine Dämpfung auf die Fortpflanzung der Druckwelle des Pulses. Und daher dauert es einige Minuten, bis sich das ganze System eingespielt hat, die unterschiedlichen Faktoren und Effekte stabil bleiben und sich die Durchblutung der oberen Hautschichten der Extremitäten an die Veränderung des Herzschlags unter physiologischer Belastung angepasst hat. Damit ist die oben beschriebene "Aufwärmphase" ein genereller Effekt bei optischen Pulsmessungen.

Messfehler
Ich verwende die OH1 seit nunmehr 1 ½ Monaten und bin damit über 40 Einheiten gelaufen. Bei keiner einzigen konnte ich solche Aussetzer feststellen wie sie mit dem Pulsgurt üblich waren.

Bei meinen bisherigen Trainingseinheiten (zwei Beispiele in dieser Abbildung) gab es keinerlei Ausreisser bei der Pulsmessung. Jegliche kurzfristige Änderungen waren durch eine Veränderung der Geschwindigkeit begründet.


Akkulaufzeit
Der Hersteller gibt eine Akkulaufzeit von 12 Stunden an. Da man den Herstellern nicht immer alles glauben sollte, habe ich die Akkulaufzeit im Selbstversuch nachgemessen. Bei Kopplung des voll aufgeladenen OH1 mit der Pulsuhr Polar V800 lief der Pulssensor über 12 Stunden ohne Probleme durch – dann meldete meine Pulsuhr, dass der Ladestatus des Pulssensor niedrig sei. Durchgehalten hat der OH1 dann jedoch insgesamt 14:26:46 Stunden, bis ihm ganz der Saft ausging. Das sind also fast 2 ½  Stunden länger als vom Hersteller angegeben. Super!

Aufzeichnungen des Dauertests zur Ermittlung der Akkulaufzeit: Der OH1 hielt 14:26:46 Stunden durch!


Komfort
Super! Ich merke das elastische Band und den Sensor beim Laufen überhaupt nicht. Und mein BH kommt endlich nicht mehr mit einem Pulsgurt in Konflikt. Also weniger Aua!
Schade ist aber, dass der Knopf zum Ein- und Ausschalten sehr klein ist und beim Einlegen in die Halterung am elastischen Band kaum mehr hervorragt. So ist das Ein- und Ausschalten durch eine oder mehrere Kleiderschichten nicht möglich - blöd vor allem in der kalten Jahreszeit. Da muss man dann schon beim Anlegen des Sensors den Sensor einschalten.

Preis
Den OH1 bekommt man ab 66 Euro. Das ist schon ein recht saftiger Preis. Allerdings liegt man da in dem Preisrahmen, den Polar auch für seinen Wearlink H7 inclusive Brustgurt nimmt. Schlecht finde ich, dass Polar bei seinen Pulsuhren standardmäßig den Brustgurt mitliefert und man keine Wahlmöglichkeit hat zwischen elektrischer und optischer Pulsmessung.

Sonstiges
Einen weiteren Vorteil gegenüber Pulsuhren mit optischer Pulsmessung am Handgelenk ist mir in diesem Winter aufgefallen: Ich trage die Pulsuhr gerne über der Laufjacke, d.h. außerhalb des Ärmels. Damit wäre aber keine optische Pulsmessung möglich. Mit dem OH1  kein Problem: Der bleibt drinnen, die Uhr draußen – und kommunizieren können die beiden trotzdem.



Fazit

Ich muss wirklich sagen:  Der OH1 ist eine der besten Anschaffungen, die ich 2017 getätigt habe. Ich kann ihn vor allem Frauen empfehlen, die ähnlich wie ich Leidtragende des Konflikts zwischen Pulsgurts und BHs sind. Sicher: Es ist ein zusätzliches Device, das zunächst mal was kostet, regelmäßig aufgeladen werden muss und das man aufgrund seiner geringen Größe auch mal kurz vor dem Lauf sucht. Aber dieses Teil tut, was es soll. Es hat die Genauigkeit, die ich für mein Training benötige. Es gibt mir belastbare Daten ohne ständige Fehlmessungen. Und es bedeutet: Ein einschnürendes Device um den Brustkorb weniger – und damit auch weniger Gefahren, sich an bestimmten Stellen den Wolf zu laufen. Nur, liebe Entwickler von Polar: Wenn Ihr einen OH1 2.0 entwickelt - bitte macht den Knopf zum Ein- und Ausschalten größer, damit man den Sensor auch im Winter und durch mehrere Kleiderschichten hindurch bedienen kann.

Zum Schluss, damit die Leser diesen Test einordnen können: Ich habe den hier beschriebenen Pulssensor gekauft – er ist nicht gesponsert.


Einen weiteren, sehr ausführlichen Test findet man übrigens hier.


Kommentare

  1. Ein sehr toller und ausführlicher Bericht, vielen Dank dafür :)

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    1. Danke! Freut mich, wenn ich mit einem solchen Erfahrungsbericht helfen kann!

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