GEAR TALK: Wohin mit den Stöcken?

von Sabine

Was die Laufstege in Mailand, Paris, London und New York für die Modewelt sind, ist die Place du Triangle de l‘Amitié in Chamonix für die Ultratrail-Läufer. Hier werden jedes Jahr Ende August beim UTMB von den zahlreich vertretenen Eliteläufern die Ausrüstungsgegenstände präsentiert, die die Outdoor- und Trailrunning-Industrie für diese Läufer und teilweise mit diesen Läufern entwickelt haben. Meist sind das genau die Entwicklungen, von denen dann die „normal-sterblichen“ Läufer im Folgejahr profitieren. Was im Jahr zuvor noch ein Jornet, d’Haene, Tollefson &co exklusiv getragen haben, ist dann käuflich zu erwerben.
In diesem Jahr ist mir beim UTMB vor allem ein Ausrüstungsdetail ins Auge gestochen: die Stockhalterung. Während früher die Läufer ihre Stöcke mehrheitlich in der Hand trugen oder sie hinten auf den Laufrucksack geschnallt hatten, gab es in diesem Jahr eine Vielfalt von Befestigungsvarianten zu sehen wie nie zuvor. Vorne, hinten, oben, unten, horizontal und vertikal – alles war vertreten. Ein Grund, sich das nochmal etwas näher anzuschauen.

Stockbefestigung bei den Elite Athleten. V.l.n.r.: Tim Tollefson (Foto: Tim Tollefson), Jim Walmsley (Daniele Nicoli), Jordi Gamito Baus (@UltraLovers), Sage Canaday (@UltraLovers), Kellie Emmerson (Bryon Powell, irunfar)



Eigentlich war ich früher gar kein Freund von Stöcken. Ich wollte ja schließlich wie eine Läuferin aussehen und nicht mit Nordic Walkern verwechselt werden. Doch dann musste auch ich zugeben, dass vor allem beim Trailrunning in den Alpen, teilweise aber auch schon im Mittelgebirge, Stöcke durchaus Vorzüge haben. 
So sehr ich inzwischen auf meine Stöcke schwöre – immer möchte ich sie während eines Laufs nicht in der Hand halten. Und so kommt ein zweiter Ausrüstungsgegenstand ins Spiel, der eigentlich immer dabei ist: Der Trinkrucksack. Der nun auch als Stauraum für die Stöcke herhalten muss. Nur wohin dort mit den Stöcken? Sicher kann man sie meist im Hauptfach verstauen – aber da nehmen sie Platz weg. Und wenn man so richtig schön durch den Schlamm gelaufen ist, holt man sich viel Dreck in dieses Fach, wo meist auch Kleidung und Essen transportiert werden. Also müssen andere Lösungen her.



Das Relikt vom Wanderrucksack: Die Schlaufen-Bänder Lösung

So kennen wir es von Hochgebirgswanderungen: Der Stock wird mit der Spitze in einer Schlaufe unten am Rucksack eingehängt und dann mit einer Schlaufe oder einem Gummiband oben befestigt – entweder je ein Stock auf beiden Seiten des Rücksacks oder beide auf der gleichen Seite. Gute Idee für Wanderungen, schlechte Idee für Trailrunner, vor allem beim Wettkampf. Denn so sicher die Stöcke auf diese Weise verstaut sind – man muss entweder den Laufrucksack abnehmen, um die Stöcke anzubringen oder abzunehmen – oder es braucht einen „Mitläufer“, der einem hilft. Dennoch gibt es immer noch Hersteller, die sich so das Verstauen von Stöcken vorstellen. Beispielsweise verwendet Dynafit bei seinem Enduro 12 Rucksack, Scott beim Trail Pro 6.0 und Nathan bei der Vapor Krar 12 Liter Vest dieses Prinzip.

Das traditionelle Prinzip: Schlaufen und Bänder oder Webbing 
zur Befestigung der Stöcke auf dem Trinkrucksack. Nichts für Einzelgänger …



Die Revolution von vorgestern: 4D Stockbefestigung

Es ist schon einige Jahre her, da hat Salomon die sogenannte 4D-Stockbefestigung vorgestellt und als Revolution der Stockbefestigung gefeiert. In gewisser Weise war es auch eine Revolution: Denn erstmals konnte man die Stöcke befestigen und abnehmen, ohne den Rucksack abziehen zu müssen. So weit, so gut. Nun klingt 4D nach viel Technik - und für eine Physikerin nach Raum UND Zeit. Und genau das ist es wohl auch: Es braucht Raum (um den Läufer herum) und Zeit, um auf diese Weise die Stöcke zu befestigen oder abzunehmen. Es gibt kaum einen Trailläufer, der zu 4D keine dezidierte Meinung hat. Ich selbst konnte mich mit diesem System nie anfreunden – da konnte ich noch so viele Instruktionsvideos schauen. Der Bewegungsablauf ist so komplex, dass ich es mir einfach nicht vorstellen kann, ihn auch noch nach 20, 30 oder 40 km hinzubekommen – wenn schon eine gewisse Blutleere im Hirn eingesetzt hat ... ohne mich selbst in den Oberschenkel zu stechen oder andere Läufer um mich herum aufzuspießen. Und es gibt noch einen weiteren Grund, warum die 4D-Stockbefestigung nicht mehr aktuell ist: Der zunehmende Einsatz von Faltstöcken mit sehr geringer Segmentlänge. Die 4D-Stockbefestigung funktioniert dann nur, wenn der Stock entweder ganz entfaltet ist, oder zumindest eine (vom jeweiligen Rucksack abhängige) Mindestlänge hat. Denn sie wurde noch in einer Zeit entwickelt, in der vorwiegend Teleskopstöcke oder nicht-zerlegbare Stöcke verwendet wurden. 


Demonstration der Salomon 4D-Stockbefestigung: 
Aufnahmen aus dem Instruktionsvideo von Marsendurance.
Mit freundlicher Genehmigung von Marius Förster.



Wie einst Robin Hood: Der Köcher

Spätestens als Salomon bei ihrer Premium-Linie bei den Trinkrucksäcken, den Westen-ähnlichen S/LAB SENSE ULTRA Set,  die 4D Stockhalterung verbannt haben, war klar: Auch Salomon hatte eingesehen, dass die 4D Halterung in Zeiten der ultraleichten Klappstöcke nicht mehr das Gelbe vom Ei ist. Scheinbar hat man sich in ihrer Ideenschmiede in Annecy an die Zeit der Bogenschützen erinnert, die ja ihre Ersatzpfeile auch nicht in der Hand tragen wollten – und eine 4D Pfeilhalterung gab es damals nicht. So entstand der Köcher, englisch Quiver.  Der wird jetzt von Salomon als „Custom Quiver“  angeboten. Und für ihn ist an den S/LAB SENSE ULTRA Westen die Halterung schon vorgesehen. Das Prinzip: Der Köcher wird am Rucksack bzw. an der Weste schräg über dem Rücken befestigt. Dabei ist die Öffnung versteift, so dass sich die Stöcke leicht einführen lassen. Mit einem Seilzug unten kann der untere Teil des Köchers komprimiert werden, damit die Stöcke beim Laufen nicht zu stark hin- und herwippen. 
Gesehen hat man diesen Köcher beim UTMB z.B. beim Salomon-Athleten Francois d’Haene, aber auch Hoka scheint auf den Köcher-Zug aufgesprungen zu sein - zu sehen bei Tim Tollefson.

Die Pfeile Stöcke im Köcher: Links Francois d’Haene 
(Foto: Andrew Drummond), rechts Tim Tollefson (Foto: Tim Tollefson). 

Vorteil: 
  • Gut für Faltstöcke geeignet.
  • Separates Fach auf dem Rücken, d.h. die Stöcke nehmen in anderen Fächern keinen Platz weg.
  • Geht schnell: Zusammenklappen, reinstecken, festziehen.
Nachteil:
  • Braucht Vorrichtung zum Einhängen des Köchers – daher nur für Rucksäcke der gleichen Marke geeignet, die diese Vorrichtung haben. Oder man muss selbst am Rucksack Hand anlegen. Ich habe schon von Leuten gelesen, die sich den Köcher sogar selbst genäht haben.
  • Je nach Rucksack kann der Köcher den Zugang zum Hauptfach oder zu anderen Fächern auf der Rückseite behindern.

Auf eine Art „internen Köcher“ setzt dagegen Camelbak mit dem neuen Modell der Ultra Pro Vest. Hier gibt es zwei separate Einschubfächer in Verlängerung der Schulter-Straps, dort wo sie ins Hauptfach des Trinkrucksacks übergehen. Hier muss man die beiden Stöcke also separat einschieben, dafür entfällt das Festzurren.

Zwei „Hörnchen“ auf dem Rucksack: Xavier Thevenard, Vierter beim diesjährigen UTMB, 
lief mit der Camelbak Ultra Pro Vest, die eine Art interne Köcher besitzt. 
(Foto: @Mcpixphotography)



Ran an die Strapse

Eigentlich wäre es für schnelles Verstauen und schnellen Zugriff auf die Stöcke logisch, sie vor dem Körper zu tragen. Hinten hat man schließlich keine Augen. Aber wo vorn? Als Struktur kommen da – zumindest bei einigen Rucksäcken – die Schulter-Straps in Frage. Hierzu müssen diese allerdings lang genug sein (was bei den modernen, westenähnlichen Trinkrucksäcken meist kein Problem ist) und entsprechende Schlaufen haben. Ultimate Direction setzt z.B. mit seiner Signature Series (SJ, AK und PB Vest) und mit der Adventure Vesta (Frauenmodell) auf diese Befestigungsmöglichkeit.

Befestigung der Stöcke an den Shoulder-straps bei der Adventure Vesta von Ultimate Direction. 
Rechts: Die Fünfte des diesjährigen UTMB, Kellie Emmerson (AUS) 
verwendete diese Stockhalterung (Foto: Bryon Powell, irunfar).


Vorteil: 
  • Gut zugänglich, da vor dem Körper.
  • Es wird kein Zugang zu anderen Fächern blockiert.
Nachteil:
  • Braucht etwas Zeit, da jeder Stock einzeln befestigt wird.
  • Stöcke sind sehr nah am Körper – ggf. Verletzungsgefahr bei Stürzen 

Zwei Variationen dieser Stockbefestigung sah man in diesem Jahr bei Jim Walmsley und Zach Miller. Offensichtlich handelte es sich bei Jim Walmsley um eine Sonderanfertigung oder um „Marke Eigenbau“, denn der von ihm verwendete Rucksack, die VaporKrar 12 Liter Race Vest sieht diese Befestigung nicht vor. Und Zach Miller, unterwegs mit der VaporKrar 4 Liter Race Vest, verstaute seine Stöcke kurzerhand in dem Fach auf seinem linken Träger, das eigentlich für die Soft Flask vorgesehen ist. 

Jim Walmsley und Zach Miller mit ihren „Spezialanfertigungen“ für die Stockhalterung. 
(Foto: Daniele Nicoli)



(Fast) ganz unten

Wenn man die Stöcke schon am Rückenteil des Rucksacks verstaut, dann doch am besten dort, wo mal (1) leicht drankommt und (2) keine anderen Fächer blockiert werden. Diejenigen von uns, die keine Schlangenmenschen sind, können sich am besten am oberen und am unteren Rücken kratzen. Und genau diese Stellen können wir auch am besten während des Laufens erreichen. Die Mitte ist tabu. Während für die Stockbefestigung am oberen Rücken der Köcher die Lösung ist, sieht man immer mal wieder Rucksäcke mit separaten Fächern oder Schlaufen an der Unterseite des Rucksacks: Zum Beispiel beim Ultrun 140g Pack von Compressport bzw. bei dem neuen Rucksack von The North Face (noch nicht für den Otto-Normalläufer verfügbar). Letzterer wurde unter anderem von Dylan Bowman und Seb Chaigneau getragen.

Vorteil: 
  • Gut erreichbar, allerdings nur, wenn der Rucksack relativ lang geschnitten ist.
  • Stöcke sind beim Zugriff aufs Hauptfach oder aufgesetzte Taschen des Rucksacks nie im Weg.
Nachteil:
  • Erfordert Hantieren hinterm Rücken. 
  • Schwerpunkt des Rucksacks wird nach unten verlagert, wobei das bei sehr leichten Stöcken kein Problem sein sollte.
Da sind die Stöcke nie im Weg: Dylan Bowman 
mit seinem neuen Modell von The North Face, bei dem 
die Stöcke horizontal unterm Hauptfach verstaut werden. 
(Foto: Andrew Drummond)



Das Gürteltier

Wenn die Stöcke am Rucksack stören, z.B. weil sie den Zugang zu Rucksackfächern versperren – warum sollte man sie dann nicht gleich auslagern? Auf dieser Idee basiert der Trend, die Stöcke an einem separaten, breiten Gürtel zu befestigen. Gerade was die Laufgürtel angeht, hat sich ja in den letzten beiden Jahren sehr viel getan. Genau wie Laufrucksäcke heute eher einer Weste als einem Rucksack gleichen, haben Laufgürtel heute nicht mehr viel von den altbekannten „Fanny Packs“ – den Bauchtaschen mit einem relativ starren Gürtel dran. Sie sind eher Textilien, die auf Gürtelhöhe getragen werden, sich an den Körper anpassen und aus einem dehnbaren Stoff bestehen. Was mit dem noch recht dickwandigen FlipBelt begann, hat jetzt auch bei den großen Trailrunning-Ausrüstern seinen Niederschlag gefunden, z.B. bei Nathan mit dem VaporKrar Waist Pack oder bei Salomon mit dem S/LAB Modular Belt
Es gibt inzwischen mehrere Hersteller, die Gürtel anbieten, an denen man auch Stöcke befestigen kann - und zwar horizontal vorn oder hinten, je nachdem wie man den Gürtel trägt. Allen voran das Leichtgewicht von Naked, aber auch Salomon bietet inzwischen Gürtel mit Befestigungsschlaufen für Stöcke an. Beim UTMB waren z.B. Gediminas Grinius (Platz 8) und Jordi Gamito Baus (Platz 10) mit solchen Gürteln zu sehen. 

Sie hatten sich die Stöcke vor den Bauch gebunden: 
Links: Jordi Gamito Baus (Foto: Bryon Powell, irunfar), rechts: Gediminas Grinius 
(links im Bild mit Andy Symonds, Foto: @UltraLovers).


Vorteil: 
  • Gut erreichbar.
  • Braucht keinen Platz am Rucksack, stört dort den Zugriff nicht.
  • Ggf sogar noch zusätzlicher Stauraum für Kleinigkeiten im Gürtel.
  • Kann nach Belieben nach vorn oder hinten gedreht werden.
Nachteil:
  • Man benötigt ein weiteres Ausrüstungsteil.
  • Etwas umständlicher, wenn man mal die Toilette aufsuchen muss.


Vor die breite Brust

Dann doch nochmal eine Etage höher. Dass die Stöcke auch waagerecht vor der Brust getragen werden können, kannte ich bereits von den Modellen von Raidlight, die hinsichtlich der Stockbefestigung sehr flexibel sind  (insbesondere der Raidlight Responsiv 10 Liter Race Vest). Beim UTMB fiel mir diese Art der Stockbefestigung jedoch einmal mehr durch eine DIY-Lösung auf. Sage Canaday, unterwegs mit einer VaporKrar 12 Liter Race Vest hatte diese mit zwei Bändeln an den Schulter-Straps ausgestattet. Hier trug er die Stöcke - direkt vor den Taschen der Soft Flasks.

DIY-Stockbefestigung vor der Brust bei Sage Canaday. 
Links: mit Stöcken (Foto: @UltraLovers), rechts: ohne Stöcke. 
Die Schlaufen sind an den Soft-Flask Taschen der VaporKrar 12 Liter Race Vest befestigt 
(Foto: Andrew Drummond).


Vorteil: 
  • Gut erreichbar.
Nachteil:
  • Je nach Modell wird ggf. Zugriff auf die meist sehr wichtigen Fronttaschen erschwert.
  • Ausziehen des Laufrucksacks ist komplizierter, weil zuerst mal die Stöcke vom Rucksack entfernt werden müssen.
  • Ggf. bei Frauen mit größerer Oberweite weder angenehm noch sehr ästhetisch.



Und was taugt das alles?

Eines kann man konstatieren: In Sachen Stockbefestigung gibt es nun Vielfalt statt Einfalt. Größtenteils hängt es wohl von den individuellen Vorlieben, vom Rucksack selbst und vom Laufstil ab, welche Befestigung man bevorzugt. Einige Hersteller von Laufrucksäcken bieten sogar mehrere Möglichkeiten der Stockbefestigung am gleichen Modell an – zum Beispiel Ultimate Direction bei den Rucksäcken der Signature Series bzw. der Adventure Vesta oder Raidlight bei der Responsiv 10 Liter Race Vest. Im Zweifel ist es auch nicht verkehrt, mal selbst Hand anzulegen und eine DIY-Lösung zu zimmern, wenn der eigene Trinkrucksack hinsichtlich Stockhalterung nicht das bietet, was man gerne hätte.


Eine weitere Beobachtung: Wer von den Elite-Läufern und Läuferinnen trug im Ziel seine Stöcke in der Hand? Von den Top 10 der Herren waren es Xavier Thevenard, Pau Capell und Zach Miller, dazu noch die oben schon genannte Fünfte bei den Frauen, Kellie Emmerson. Die letzten Kilometer des UTMB sind flach und leicht zu laufen – und daher braucht man dort keine Stöcke. Wenn ein Läufer oder eine Läuferin im Ziel die Stöcke in der Hand hielt, mag das ein Indiz dafür sein, dass die Stockhalterung nicht ganz so bequem zu erreichen war.


Nun würde mich interessieren: Welche Erfahrungen habt Ihr mit den unterschiedlichen Systemen gemacht? Dabei sind vor allem die Stockbefestigungen interessant, die erst seit kurzem angeboten werden. Welches System bevorzugt Ihr?

Jetzt aber: Stöcke holen, Rucksack aufziehen und raus zum Laufen! See you on the trails!



Zum Schluss: DANKE …

… an alle, die mir großzügig Bilder von den Athleten und ihrer Ausrüstung für diesen Artikel zur Verfügung gestellt haben:






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